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Das weiße Taschentuch...


1 Beiträge.
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ehemaliges Mitglied
03.02.2007 19:44:55
Nabend zusammen.
Habe mir ma die mühe gemacht und etwas aus nem buch abgeschrieben... ist ne richtig geile kurz geschichte, also finde ich.

Ich glaube an Gott, ...

... der mich wie ein Vater liebt

Bibeltext: Lukas 15,11-32

1. Das weiße Taschentuch

Der Mann saß auf dem Gehsteig neben der Bushaltestele und starrte zu Boden. Ein paar Leute mustereten ihn im Vorrübergehen
neugierig und fragten sich, was das wohl für einer sein mochte, der Landstreichermit den hängenden Schultern und den durchgelaufenen
Schuhen. Er aber bemerkte ihre Blicke gar nicht. Er war ganz in Gedanken versunken.
Vor mehr als zwanzig Jahren war er in einem kleinen roten Ziegelhaus am Ende der nächsten Straße aufgewachsen. Ob es überhaupt noch stand?
Vielleicht war es ja inzwischen abgerissen worden! Hoffentlich hatten sie wenigstens die Stiefmütterchen nicht zertrampelt! Komisch,
wie gut er sich noch an die Stiefmütterchen erinnerte und an die Schaukel, die ihm sein Vater gebaut hatte, und an den Gartenweg, auf dem er
das Fahrradfahren gelernt hatte. Monatelang hatten die Eltern gespart, um ihm das Fahrrad kaufen zu können.
Zehn Jahre später war aus dem Fahrrad ein Motorrad geworden. Er selst ließ sich zu Hause immer seltener blicken. Er verdiente gut und hatte eine Menge freunde.
Vater und Mutter erschienen schrecklich altmodisch und langweilig. Da war es in den Kneipen und Discos doch lustiger!
Heute erinnert er sich nicht mehr gern an diese Zeit, vor allemnicht daran, wie ihm die Schulden über den Kopf gewachsen waren und er an einem Sonntagnachmittag bei den Eltern aufgetaucht war, um sie um Geld zu bitten. Sie hatten sich so über seinen unerwarteten Besuch gefreut, dass er es nicht übers Herz gebracht hatte, sie um Geld zu bitte. Doch er wusste genau, wo sein Vater das Portmonee aufbewahrte, und als die Eltern dann für einen Augenblick in den Garten gingen,
hatte er sich einfach >>bedient<<.
Seither hatte er sie nicht mehr gesehen.
Ertraute sich nach dem, was er getan hatte, nicht mehr nach Hause; und Die Eltern hatten jede Spur von ihm verloren. Er war ins Ausland gegangen und sie erfuhren nichts von seinem rastlosen Umherziehen und auch nichts von seinem Gefängnisaufenthalt. Soch dort, in seiner Zelle, hatte er viel an sie gedacht. Manchmal, wenn er sich schlaflos auf seiner Pritsche herumwälzte und der Mond unheimliche Figuren auf die Zellenwand malte, wünschte er sich:
>>Wenn ich erst wieder aus diesem Loch herraus bin, möchte ich sie noch einmal sehen -wenn sie überhaupt noch leben ... und wenn sie mich sehen wollen.<<

Als er seine Strafe abgesessen hatte, fand er in der Großstadt eine Arbeitsstelle; aber ruhe fand er nicht.
Irgendwas zog ihn heim, eine Sehnsucht, dienicht zu schweigen bringen ließ. Auf Schritt und Tritt wurde er an das kleine rote Backsteinhaus erinnert, an das Beet mit Stiefmütterchen, an ein Kind auf einer Schaukel, an einen Jungen, der von der Schule nach Hause rannte ...

Er wollte nicht völlig mittellos daheim ankommen, und so legte er einen großen Teil der Reise zu Fuß oder per Anhalter zurück.
Er hätte schon längst da sein können, aber dreißig Kilometer vor dem Ziel waren ihm plötzlich Zweifel gekommen. Was hatte er überhaupt für ein Recht, einfach so bei seinen Eltern hereinzuspazieren? Würden sie in dem heruntergekommen Kerl, der er geworden war, überhaupt den Jungen erkennen, den sie geliebthatten und der sie so schrecklich enttäuscht hatte?
Er kaufte sich etwas zu esssen und setzte sich unter einen Baum, wo er für den Rest des Tages sitzen blieb.
Der Brief, den er am Abend in den Briefkasten einwarf, wahr sehr kurz, aber er hatte sich stundenlang damit abgemüht. Er endete mit den Worten:

>>Ich weiß, es ist verrückt anzunehmen, dass ihr
mich überhaupt noch einmal sehen wollt. Aber ent-
scheidet selbst. Ich werde früh am Donnerstagmorgen
ans Ende unserer Sraße kommen. Wenn ihr mich zu
Hause haben wollte, hängt ein weißes Taschentuch ins
Fenster meines alten Zimmers. Wenn ich es dort sehe,
werde ich zu euch kommen; wenn nicht, werde ich
dem alten Haus noch einmal zuwinken und mich wie-
der davonmachen.<<
Und nun war der Donnerstagmorgen da. Der Anfang der Straße war gleich um die Ecke. Diese Straße gab es jedenfalls noch! Auf einmal hatte der Mann es nicht mehr eilig. Er setzte sich einfach auf den Gehsteig und starrte die Steine an.
Ewig konnte er den Augenblick der Wahrheit natürlich nicht hinauszögern. Vielleicht waren die Eltern inzwischen ausgezogen? Wenn kein Taschentuch da war, wollte er wenigstensein paar Erkundigungen in der Stadt einziehen, ehe er sich wieder aufn Weg machte. Er wagte gar nicht daran zu denken, was er tun sollte, wenn seine Eltern zwar noch dortwohnten, ihn aber nicht mehr sehen wollten.
Mühsam und mit schmerzenden Gliedern erhob er sich. Er war steif vom Übernachten im Freien. Die Straße lag noch im Schatten. Mit unsicheren Schritten wankte er zu der alten Platane hinüber, von der aus, das wusste er, das Backsteinhaus deutlich zu sehen sein würde. Bis dahin hielt er den Blick zu Boden gesenkt. Mit fest zusammengekniffenen Augen stand er ein paar Augenblicke unter den Ästen des Baumes. Dann holte er tief Luft und wagte den zum anderen Ende der Straße hinüber. Und dann stand er da und starrte und starrte ...

Das kleine Backsteinhaus wurde bereits von der Sonne
beschienen - aber es war kein kleines rotes Backsteinhaus
mehr. Es schien ganz in weiße Tücher eingehüllt zu sein.

Aus allen Fenstern hingen Betttücher und Kissenbezüge, Handtücher und Tischdecken, Taschentücher und Servietten; und aus dem Dachfenster flatterte eine große weiße Gardine quer über das ganze Dach. Rotes Backsteinhaus? Das schien ein Schneehaus zu sein, das da in der Sonne glänzte!
Die Eltern hatten kein Missverständnis riskieren wollen! Der Mann warf den Kopf zurück und stieß einen Freudenschrei aus. Dann rannte er über die Straße und durch die weit geöffnete Haustür driekt in sein Elternhaus hinein.



So das war Sie... also dachte das sollte ma gesagt werden
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